
Quelle: Rennverein Hannover
Ist diese Fragestellung überhaupt richtig? Müßte sie nicht lauten, quo vadis Pferdeland Deutschland oder muß man nicht auch fragen, quo vadis Deutschland?
Fangen wir mal mit dem Reitsport an. Spricht man mit Reitstallbesitzern, dann sagen diese, daß langjährige Reiter sich kein neues Pferd mehr kaufen, wenn das Alte den Weg allen Irdischen gegangen ist. Die Kosten sind vielen zu hoch geworden. Wenn ich dann die Pensionspreise sehe, dann frage ich mich, wie die Ställe damit über die Runden kommen. Aber trotz dieser niedrigen Preise verzichten immer mehr auf das eigene Pferd.
Die Pferdehaltung ist die eine Seite, die andere bezieht sich auf das Sponsoring von Veranstaltungen und damit die Beschaffung finanzieller Mittel.
Neulich sprach ich mit einer Bekannten, die seit Jahren in Düsseldorf mit einem kleinen Verein ein Reitturnier organisiert. Kein Dorfturnier, etwas besser, mittlere regionale Klasse. Im Rennsport würde man sagen, ein normaler Mittwochrenntag in den guten Zeiten. Sie klagte über fehlende Sponsoren und daß immer weniger Firmen bereit sind, solche Veranstaltungen zu unterstützen. Sie hat es aber noch mal hin bekommen, ob es im nächsten Jahr auch noch klappt, wisse sie nicht. Im Reitsport sprechen wir bei kleineren Turnieren über wenige hundert Euro. Eine L-Dressur (Analog Agl III) kostet ca. 250 Euro, aber man braucht auch Geld für die Richter etc.. Am Ende kommen einige tausend Euro Kosten neben den Geldpreisen zusammen. Und dies kein Einzelfall.
In Mannheim wurde ein Dreisterne-Springturnier abgesagt, weil es keine Sponsoren gab. Da Aachen dieses Jahr die Weltmeisterschaft ausrichtet, sind alle Sponsoren dort anzutreffen und für Mannheim fehlten sie demzufolge. Also gibt es erstmals „seit ewig“ kein internationales Springturnier in Deutschland, und hier sprechen wir dann über Millionen.
Überall das gleiche Problem, egal ob Basis- oder Spitzensport: es fehlen Sponsoren.
Das gleiche Bild zeigt sich im Galoppsport: auch der Mannheimer Rennverein mit einem sehr engagierten und rührigen Vorstand mußte den Mai-Renntag ausfallen lassen, weil der Sponsor seine Zusage zurückziehen mußte.
Egal, wohin man schaut: Pferdesport wird wieder mehr zum Luxusport und immer weniger Menschen können oder wollen es sich leisten.
Wohin man guckt im Pferdeland Deutschland, es ist problematisch.
Zurück zum Rennsport
Deutschland war im Vergleich zu anderen Ländern in Europa immer ein Land mit niedrigen Rennpreisen – von den 1990ern und von der Kaiserzeit einmal abgesehen.
Frankreich hatte die letzte pauschale Rennpreiserhöhung 2006 und hat sie Ende 2025 in Teilen wieder kassiert. Früher wurden die Rennpreise in Frankreich alle ca 5 Jahre erhöht und jetzt wird gekürzt.
In Irland ist es differenzierter, weil die Rennpreise von Bahn zu Bahn und je nach Meeting schwanken, aber Gruppe 3 mit 60.000 Euro ist auch nicht der Burner. Allerdings gilt das Rennpreis-Niveau dort durch teilweise sehr gut dotierte Handicaps als allgemein recht gut.
Italien hat mächtige Abstriche machen müssen. Sieht man die alten Lira-Preise und rechnet sie in Euro um, damit die vielen Nullen verschwinden, dann waren das damals bei einem allgemein viel niedrigeren Kosten-Niveau exorbitant hohe Rennpreise. Aber das war einmal, viele gute italienische Trainer trainieren heute in Frankreich. Dort gibt es mehr Rennen, sichere Geldpreise und nicht die italienischen Unwägbarkeiten.
In Skandinavien – insbesondere Schweden – ist der Galoppsport stabil. Dort hat man einen breit aufgestellten Toto für eine gesunde finanzielle Basis und stabile Rennpreise. Der Sport ist klein, aber fein und gesund.
Bleibt England, Britannien, das Mutterland des Sports: der Sport verlor 2022 seine größte Werbe-Ikone. Jene Markenbotschafterin, die ohne jedes Salär mehr erreichte, als jede noch so teure Werbekampagne hätte erreichen können. Der Nachfolger hat nicht ansatzweise die gleiche Popularität und ist im Sport auch nicht so engagiert, wie seine Mutter es war. Jüngst hat er Point of Law, eine veritable Leger-Hoffnung an Australier verkauft. Eher hätte die Mutter trocken Brot gegessen und wäre barfuß gegangen, als daß sie einen Anwärter für einen klassischen Sieg egal für welches Geld verkauft hätte.
Aber trotzdem – England ist das Maß aller Dinge. Nirgendwo sonst in Europa werden so viele Gruppe-1 Rennen gelaufen und nirgendwo sonst ist im Spitzensport das Niveau so hoch, wie in England. Inzwischen sind die dortigen Rennpreise die höchsten in Europa.
In den Basis-Rennen mag das teilweise noch anders aussehen, aber ab den Listenrennen ist viel Geld unterwegs, wobei die Dotierungen zwischen den Bahnen deutlich schwanken. York hat viel Geld und in Epsom ist außer zu den drei Gruppe-1 Rennen das Preis-Niveau eher gering. In Doncaster hatten sich Trainer über die Dotierung von Listen-Rennen letztes oder vorletztes Jahr sehr abfällig geäußert.
Für umfangreiche Statistiken fehlt mir gerade die Zeit, deswegen nur wenige Zahlen. Die Durchschnittsdotierung der Gruppe-1 Rennen in Frankreich und England sieht wie folgt aus:
| Daten 2025 |
Anzahl GR 1 |
Dot-Gesamt |
Dot-Schnitt |
| England (GBP) |
38 Rennen |
26.261.280 |
691.086 |
| Frankreich (EUR) |
28 Rennen |
18.030.000 |
643.929 |
| Frankreich Arc* |
28 Rennen |
14.030.000 |
501.071 |
Im zweiten Frankreich-Wert habe ich den Arc mit 1.000.000 Euro statt der echten „leicht überdimensionierten“ Dotierung von 5.000.000 bewertet (Arc*). Vielleicht etwas knapp, aber so sei es. Für die anderen Bereiche gilt das in gleicher Weise und dann muß für Britannien noch die großen Handicaps nehmen, die es in dieser Form anderswo nicht gibt und teilweise mit Dotierungen, die einem Gruppe-1 Rennen entsprechen.
Die Währungen habe ich nicht umgerechnet, weil die Kosten ja auch in Landeswährung zu zahlen sind.
Natürlich müßte man auch die Kosten vergleichen, aber für die Ermittlung ist der Aufwand erheblich und das lasse ich deshalb außen vor. Ich möchte nicht wissen, was der Unterhalt der Trainingsanlagen von Newmarket und Chantilly kostet. Außerdem trainieren viele Trainer in England auf eigener Scholle oder einem privaten Anwesen, wo nicht nur die Pferde sondern auch die Anlagen gepflegt werden müssen.
Vergleicht man die Besitzerstrukturen auf dem Kontinent, so sind sie in den verschiedenen Ländern ähnlich.
Überall gibt es viele kleine Besitzer, die teilweise über Generationen einen Rennstall unterhalten und gelegentliche Newcomer. Frankreich ist etwas privilegiert, weil der Nimbus und die in der Breite interessanten Rennpreise internationale Besitzer anziehen. Es gibt eine merkliche Zahl von Owner-Breedern, die auch große Rennställe unterhalten, zB die Gebrüder Wertheimer, der Aga Khan und noch andere bekannte Farben, die schon vor 100 Jahren Pferde hatten.
In Deutschland ist das ähnlich, aber viel kleiner, und das internationale Publikum in den Rennställen ist nur sehr vereinzelt zu finden.
England ist ganz anders, in allem!
In England gibt es sehr viele Besitzergemeinschaften mit teilweise beträchtlicher Größe, sowohl was die Zahl der Mitglieder als auch was das Budget und die Zahl der Pferde betrifft.
Lars Wilhelm Baumgarten und Nicole Siepmann sind in Deutschland sehr mutig einen ähnlichen Weg gegangen. Hier ist deren Liberty Racing eine merkliche Größe im Sport – in England wären sie eine der Kleineren.
Aber egal – Liberty-Racing hat in Deutschland etwas bewegt, das muß man sehr hoch anrechnen. Und hoffentlich findet es Nachahmer.
Dann lebt in England der Rennsport vor allem von Petro-Dollars – sowohl bei den Besitzern als auch beim Sponsoring. Angenommen, die Scheichs würden morgen dem Rennsport in England den Rücken kehren. Wie viel würde der Sport schrumpfen? 20%, 30% oder mehr? Ich weiß es nicht, aber es wäre einschneidend!
Natürlich gibt es in England uralte Farben, die seit Anbeginn des Rennsports vertreten sind, aber sie sind heute selten geworden. Ich weiß nicht, wann mir das letzte mal ein Pferd des Lord Derby oder anderer alter Namen aufgefallen ist. Auch gibt es in Britannien die klassischen Besitzer, die seit alters her einen Rennstall unterhalten. Aber im Vergleich zu den Scheichs und den Besitzergemeinschaften ist die Gesamtzahl der Pferde in diesem Bereich eher gering.
Ein paar Petro-Dollars gibt es auch in Frankreich und in Irland. Man will die Pferde verteilen, damit sie nicht zu viel gegeneinander laufen, aber der Großteil steht in England. Sieht man von Jaber Abdullah ab, der früher bei Bruno Schütz und Andreas Wöhler Pferde hatte und jetzt noch in Ravensberg und in Frankreich bei Andreas Schütz auf der Trainingsliste steht, haben wir hier kaum Besitzer aus Arabien. Selbst in den goldenen 1990ern fanden die Scheichs nicht den Weg nach Deutschland.
Soweit ein kleiner Parforce-Ritt durch den Rennsport in Europa und der Versuch eines kleinen Zustandsberichts.
Und Deutschland? Der Rennsport muß sich als Teil des Wirtschaftsgeschehens betrachten und das ist in DE nicht gut. Wir haben eine Dekade Stagnation hinter uns, auch wegen Corona und dem Überfall Rußlands auf die Ukraine. Aber davon waren andere Länder auch betroffen. In einem OECD-Vergleich von Q4 2019 zu Q1 2026 ist Deutschland Schlußlicht. Es sind eben mehr Fehler gemacht worden, als in anderen Ländern.
Und wenn es nicht einige sehr deutliche Korrekturen gibt, dann kommen wir nicht nur aus einer Dekade der Stagnation, sondern haben eine solche noch vor uns!
Und diese Korrektur besteht nicht in einem Sondervermögen, das für echte und vermeintliche Infrastruktur-Projekte zum Fenster raus gehauen wird, als wenn es kein Morgen mehr gibt, und das Geld kostenlos auf der Straße liegt und man es nur aufheben muß.
In dieser sehr kritischen Situation haben wir eine Regierung ohne echte Führung, die kleinstteilige Reförmchen als großen Wurf feiert und dazu einen Finanzminister, der von seinem Metier genauso wenig Ahnung hat, wie der Vater der Energiewende. Jener hat uns erklärt, daß die Energiewende uns alle nur den Gegenwert einer Kugel Eis im Monat kosten wird und uns heute noch erklären will, wie richtig seine Entscheidungen doch gewesen seien. Es ist eben das Ergebnis, wenn ein Sozialwissenschaftler ohne physikalisches und technisches Grundwissen die Energieversorgung einer der größten Volkswirtschaften der Erde vollkommen umkrempelt und elementare Grundsätze wie den Energieerhaltungssatz für nicht relevant erklärt.
Aber was heißt das für den Galoppsport? Simpel gesagt, der Sport muß versuchen, in diesen schlechten Rahmenbedingungen das Beste für sich heraus zu holen. Hat man das in den vergangenen Jahren versucht?
Auch wenn es eine vollkommen andere Liga (Sportart) ist, schafft es der Fußball ja auch, trotzdem weiterhin Sponsoren zu gewinnen, die Millionen dafür zahlen, daß die Vereine einzelnen Balltretern Millionengehälter zahlen können. Die Preisentwicklung im Fußball ist enorm. Als Klaus Allofs 1981 für eine Millionen D-Mark von Düsseldorf nach Köln wechselte, war das ein sensationeller Preis, fast an der Grenze der Seriosität, heute bekommt man für eine Mio Euro vielleicht einen Wasserträger aus der zweiten Liga, aber keinen Stürmer-Star. Oder anders : mit dem Gehalt eines heutigen Bayern-Stars konnte man vor 30 Jahren das Budget des schon immer etwas hochpreisigen FC-Bayern bestreiten.
Und der Rennsport in Deutschland – ich sehe den mal zweigeteilt. Die Rennvereine machen im Rahmen des Möglichen einen ziemlich guten Job. Sie bekommen die Geldpreise und die Veranstaltungen „irgendwie“ finanziert. Aber der Rennsport mit seinen weniger als 1000 Rennen pro Jahr wird allgemein kaum noch wahrgenommen. In den 1990ern mit über 3000 Rennen war man überall präsent. Wann war das letzte Rennen im öffentlichen TV zu sehen? Ich weiß es nicht mehr! Vom Derby einmal abgesehen.
Neulich war in der RP oder auch in der Deutschen Rennsportpresse zu lesen, daß in Britannien der Instagram-Post eines B-Promis in den sozialen Medien an einem Tag 1 Mio Klicks erzielt hat, weil er vom Sieg seines Pferdes gepostet hat. Selbst eine Null weniger ließe sich in DE nicht erreichen. Während sich in England und Frankreich die Promi auf der Rennbahn die Hand geben, haben wir einen echten Influencer-Mangel.
Insgesamt lebt man im Galoppsport vor sich hin und weiß nicht, wie es besser werden soll. Man hofft, daß es nicht noch schlechter wird. Wir haben kaum noch Außenwirkung und niemand weiß, wie es besser werden soll.
Es wäre die Stunde Kölns, der Zentrale des Galoppsports, einen Masterplan auszuarbeiten, wie man die Schwachstellen des Sports beseitigen will, wie man Anlagen und Struktur ertüchtigen will und vor alle, wie man wieder in den Medien präsent wird und neue Kundengruppen aktivieren kann. Denn wenn der Sport wieder allgemeines Thema wird/ist, wollen wieder mehr Menschen dabei sein. Aber eine Sportveranstaltung, über die kaum gesprochen wird, zieht eben auch kein Publikum an.
Mit einem derart ausgearbeiteten Masterplan müssen dann in der Wirtschaft Klinken geputzt werden. Es ist ja nicht so, daß es in DE keine Unternehmen gibt, die noch ordentliches Geld verdienen.
Man muß halt etwas tiefer graben und wenn man fündig ist, muß man sich in der Flanke festkrallen, bis man die GF davon überzeugt hat, in den Galoppsport zu investieren, als Sponsoring für Marketing, Werbung, Strukturverbesserung, nicht für die Rennpreise.
Das ist kein Spaziergang, das ist hartes Brot, aber es muß etwas geschehen, es muß sich etwas bewegen, und wenn es nicht aus der Zentrale kommt, wo soll es sonst herkommen? Und es muß bald geschehen, viel Zeit bleibt nicht mehr.
Eine Nachbemerkung – Winfried Engelbrecht-Bresges ist seit Jahrzehnten Geschäftsführer/Vorstand des (Royal) Hongkong Jockey Club. In Hongkong werden Zahlen geschrieben, die würden den FC Bayern erblassen lassen und mit dem Wettumsatz eines Tages könnte man dem Rennsport in DE eine richtige Frischzellenkur verpassen. Für diese Erfolgsgeschichte ist „EB“ seit rund 30 Jahren verantwortlich.
Sein neustes Projekt: Hongkong goes Festland. In Conghua 180 km nördlich von Hongkong und in der Nähe der Großstadt Guangzhou wird eine neue Rennbahn eröffnet. Die erste in China, zumindest seit dem WK II. Die Eröffnung erfolgt am 31. Oktober 2026 vor geladenen Gästen, der erste Renntag für das allgemeine Publikum ist im November 2026.
Hongkong goes Festland
Ich verlinke die dazu gemachten Veröffentlichungen. „EB“ hat dazu eine sehr wesentliche Bemerkung gemacht: wenn es dem Galoppsport nicht gelingt, die junge Generation zu begeistern, ist der Galoppsport in 20 Jahren tot.
Ein Satz, der den Offiziellen in DE zu denken geben oder vielleicht die Alarmglocken schrillen lassen sollte.