Es schlug fast wie eine Bombe ein. Nicht einmal vier Wochen nach dem Derbymeeting hat das DVR den führenden Rennvereinen mitgeteilt, daß das Derby ab 2013 neu ausgeschrieben wird. Bewerbungen konnten bis zum 10. August beim DVR abgegeben werden. Es werden einige Bedingungen genannt, wie die Abhaltung von mindestens vier zusätzlichen Renntagen und ein gesellschaftliches Rahmenprogramm.
Es wundert doch einigermaßen, daß das Direktorium das Derby “einfach mal so” ausschreiben kann. In einer dieser Tage veröffentlichten Presseerklärung, die vom Präsidenten des DVR, Albrecht Woeste gezeichnet wurde, wird das u. A. damit begründet daß das DVR die Renntermine vergibt. Diese Begründung scheint auf sehr dünnem Eis gebaut. Aus dem Recht zur Vergabe der Renntermine das Recht zur beliebigen Verteilung von Gruppe-Rennen herzuleiten, ist mehr als weit hergeholt.
Fakt ist, daß fast alle großen Rennen des Turfs nicht nur in Deutschland von einem Rennverein ins Leben gerufen wurden oder von einer Persönlichkeit gestiftet wurden. Das Derby entstammt einer Initiative des Hamburger Rennclubs, ein Rennen nach englischem Vorbild für dreijährige Pferde zu veranstalten und das wie sein englisches Vorbild “Derby” genannt und 1869 erstmals gelaufen wurde. Es stammt aus einer Zeit, als von einem DVR noch nicht gesprochen wurde, es ist älter als die Deutsche Einheit im Bismarck-Reich.
Über konkrete Gründe schweigt sich das DVR aus. Sind sie aktueller Natur oder historisch bedingt? Um welche Details geht es? Wenn das DVR indirekt in der Presse-Erklärung anklingen läßt, daß es gegenüber den Aktiven die Abrechnung sicherstellen muß, dann ließe das Schlüsse zu, die nach Auskunft verschiedener Aktiver absolut unbegründet und nicht haltbar sind.
Es ist weiterhin Fakt, daß die Kostenträgerschaft für das Rennen nicht durch das DVR erfolgt, sondern durch den Hamburger Rennclub. Der HRC trägt die Kosten, wird ein Überschuß aus der Veranstaltung erzielt, geht dieser in die Vereinskasse und nicht in die DVR-Kasse. Der HRC soll zwar vom DVR für die Veranstaltung der Derbywoche finanzielle Unterstützung erhalten. Es ist aber nicht allgemein bekannt, ob diese Unterstützung höher ist, als sie andere Vereine mit einem ähnlichen Rennprogramm erhalten.
Zur Erinnerung: In den guten Jahren des Sports wurden Gruppe-Rennen zuweilen verkauft. So war unter anderem der Kölner RV damals Aufkäufer und hat sein Jahresprogramm deutlich aufgewertet. Die “Ablöse” wurde aber regelmäßig an den verkaufenden Rennverein gezahlt und nie an das DVR. Daß der Kölner RV diese Rennen heute teilweise wieder abgibt und sich freut, wenn ein anderer RV ein Gruppe-Rennen veranstaltet, ist noch eine andere Sache. Aber auch hier wird das Geschäft ohne das DVR abgeschlossen. Oder will jemand behaupten, daß die Verlegung des Rheinland-Pokals von Köln nach München auf Anordnung des DVR erfolgt ist und dies alles ganz leise hinter den Kulissen über die Bühne gegangen ist?
Die Toto-Umsätze in Deutschland sind von Januar bis Juli um rund 2 Mio gesunken, Hamburg hat hingegen den Umsatz gehalten und die Umsatz je Rennen marginal gesteigert. Und dies bei denkbar schlechten Rahmenbedingungen durch die Europameisterschaft und die Tatsache, daß statt an zwei Wochenenden zu veranstalten, nur an einem Wochenende veranstaltet und der Hansa-Preis an einem Wochentag gelaufen wurde. Am Mittwoch wurden in HH mit dem “Langen Hamburger” (Listenrennen) als Tageshöhepunkt rund 325.000,- EUR umgesetzt. So schlecht kann die Arbeit, die in Hamburg gemacht wird, also nicht sein. Als Vergleich, der Bewerber München hat am Bayernpokal-Tag mit einem Gruppe-1 Rennen knapp 200.000 EUR Umsatz, davon 100.000 auf der Bahn erzielt. Mit derart schlappen Zahlen gibt sich Hamburg nicht ab. Zur Diana, immerhin der zweitwichtigste Klassiker, wurden an einem Sonntag bei allerbesten Bedingungen mit 378.000 auch nicht viel mehr Umsatz gemacht als Mittwochs in Hamburg. Die Umsatzmillionen, die HH am Derbytag erzielt, ist man auf allen NRW-Bahnen inzwischen Lichtjahre entfernt. Und dieser “Umsatzhochburg” will man die Lampe abknipsen?
Hamburg hat, soweit man das von außer erlebt, eine gesunde Vereinsstruktur. Natürlich ist Idee Kaffee der größte Gönner des Vereins, aber das Engagement von Herrn Darboven wird nicht annähernd so hoch sein, wie das Engagement der Präsidenten von München, Baden Baden und Hoppegarten. Angenommen, das Derby würde an einen der drei interessierten Vereine vergeben. Die drei Bewerber leben im Wesentlichen von Ihren Präsidenten, gestandenen Persönlichkeiten im Wirtschaftsleben und hoch reputiert im Rennsport. Ihr Engagement kann man gar nicht hoch genug würdigen. Aber was geschieht mit den Vereinen, wenn die Präsidenten abtreten und sich aus dem Sport zurück ziehen? Sind diese Vereine dann wirtschaftlich ansatzweise noch in der Lage, eine Derbywoche zu stemmen oder geht das Derby dann als ungeliebtes, weil nicht mehr zu bezahlendes Rennen auf Wanderschaft? Nur ein Gedankenspiel, aber ziemlich realistisch und grausam zugleich.
Wie der Präsident des DVR in der Presser-Erklärung ausführt, sieht er gute Chancen, aus dem Derbymeeting ein Event mit internationalem Format zu machen. Als wenn der Rennsport in Deutschland keine anderen Sorgen hat. Und wie soll das funktionieren? Zwei Zahlen zum nachdenken. 2002 zahlten die Gruppe-2 Rennen in Deutschland durchschnittlich 113.423 EUR, in Frankreich 102.037. 2011 waren es in Dtld dann noch 85.727 EUR. Über Standard waren noch die beiden Klassiker und das Union-Rennen. Der ist auf 70.000 EUR Mindestdotierung .“eingedampft”. In Frankreich wurden 2011 145.556 EUR im Schnitt in Gruppe-2 Rennen gezahlt. Während die Dotierung in Deutschland um rund 25 Prozent gesunken ist, ist sie in Frankreich im gleichen Zeitraum um rund 42 Prozent gestiegen. Die Standarddotierung für Gruppe-2 beträgt in Frankreich 130.000 EUR, fast das doppelte von der deutschen Standard-Dotierung.
Während die deutsche Vollblutzucht höchsten internationalen Standard genießt, ist der Rennsport im Vergleich zu den großen Rennsportländern in Europa nur noch zweite Wahl. Es gibt wenige Rennen, die Dotierung ist schlecht und es gibt zu wenig Pferde. Die Guten werden sehr schnell ins Ausland verkauft, weil der Verkauf einfach rentabler ist, als das Pferd in eigenen Farben im Rennsport laufen zu lassen.
Welche deutschen Pferde sollen denn bei diesem internationalen Event laufen, welche guten Ausländer sollen denn bei den aktuellen Dotierungen nach Deutschland kommen? Glaubt man wirklich, mit unseren Rennpreisen bessere französische oder gar englische und irische Pferde am Start zu sehen, wenn die besten Deutschen laufen? Und wo schließlich soll das viele Geld herkommen, das man für ein solches internationales Spitzen-Event benötigt? Das sind Träumereien, aber keine brauchbaren Ideen!
Hamburg zahlt immer noch die mit die besten Rennpreise der Republik. Vor allem die Basis-Rennen sind deutlich besser dotiert als auf den meisten anderen Rennbahnen. Was geschieht mit der Hamburger Rennbahn, wenn das Derby weg ist? Wie sieht es mit den anderen Gruppe-Rennen aus, dem Hansa-Preis etc.. Das DVR macht dazu keine Aussagen und man kann nur böses ahnen.
Die Rennvereine sind die Veranstalter der Rennen. Sozusagen der “Betrieb” in der “Volkswirtschaft Galopprennsport”. Der Betrieb ist die Stätte wirtschaftlichen Handelns und es wäre wünschenswert, wenn von Köln diese Betriebe bzw. Rennvereine gestärkt werden. Gesunde Rennvereine können gute Rennpreise zahlen, mit denen sich der Rennsport wieder entwickeln kann. Man bekommt den Eindruck, das man genau das nicht möchte, sondern den Einfluß des DVR zu Lasten der Rennvereine zu stärken. Es kann aber keine erfolgreiche Rechnung sein, wenn man eine Position dadurch zu stärken versucht, daß man andere Positionen schwächt. Der Verlierer einer solchen Politik wäre der Rennsport und das DVR keinesfalls ein Gewinner. Mit Hamburg, so scheint es, gibt es die erste große Machtprobe und je nachdem, wie sie ausgeht, wird das erheblichen Einfluß auf die Galopplandschaft der Republik haben.
Man muß für Hamburg das Allerbeste hoffen.